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Newsletter April 2015 - Interviews
 

"ISO 29990 bildet in geradezu idealer Weise die Besonderheiten der Prozesse in einer Bildungseinrichtung ab."

Thomas Mitschke, Leiter der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz über die Vorteile der QM-Zertifizierung nach ISO 29990 und die Unterschiede zur ISO 9001

Herr Mitschke, Sie sind Leiter der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesamtes für Be-völkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Was sind die zentralen Aufgaben der AKNZ und wie viele Dozenten und Mitarbeiter beschäftigen Sie?

Die AKNZ ist eine Abteilung des BBK und die zentrale Aus- und Fortbil-dungseinrichtung des Bundes im Bevölkerungsschutz. Mit unserem Bildungsangebot richten wir uns primär an Führungskräfte des Bevölkerungs-schutzes und an die mit Fragen der zivilen Sicherheitsvorsorge befassten Entscheidungsträger und Multiplikatoren aller Verwaltungsebenen. Insbe-sondere im Bereich der kritischen Infrastrukturen haben wir auch Teilnehmer aus Wirtschaftsunternehmen.
An der AKNZ sind derzeit rund 80 hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Diese sind in der Ausbildung, im Unterricht und im Verwaltungsbereich bis hin zum Service tätig. Hinzu kommt außerdem eine dreistellige Anzahl an Gastdozenten und Gastdozentinnen, die regelmäßig bei uns unterrichten.

Ihr QM-System hat gerade frisch von CERTQUA die Zertifizierung nach DIN ISO 29990 erhalten. Man nennt DIN ISO 29990 auch die Norm für das Aus- und Weiterbildungs-management. Was leistet die Norm für Bildungseinrichtungen, was an-dere Normen nicht leisten?

Die DIN ISO 9001, aus der heraus ja die ISO 29990 entwickelt wurde, war sehr formalisiert und an klaren Checklisten orientiert. Sie ist in einem Produktionsbereich oder klassischen Dienstleistungsbereich ideal anwendbar. In der Bildung sind Prozesse und Dienstleistungen an anderen Gegebenheiten orientiert, als in einem klas-sischen Produktionsprozess in einem Unternehmen. Die Inhalte der ISO 29990 bilden in geradezu idealer Weise die Besonderheiten der Prozesse in einer Bildungseinrichtung wie der AKNZ ab. Insofern war es nur naheliegend, diese Norm als Grundlage für unser QM zu nehmen.

Welche Vorteile bietet eine Zertifi-zierung nach DIN ISO 29990 im Ver-gleich zur DIN ISO 9001? Gibt es Vorteile, die Sie in der Praxis spüren?

Wie bereits erwähnt werden in der ISO 29990 zentrale Standards abgebildet, die Bildungsprozesse charakterisieren. So z.B. in Hinblick auf die standardisierte didaktisch-methodische Beschreibung der Veranstaltungen im Rahmen der Erstellung von Bildungsplänen oder bezogen auf die Standardisierung der „Kundenzufriedenheit“ im Rahmen von Evaluationen. Genau dies haben wir für uns genutzt, die AKNZ nochmals nach modernsten Erkennt-nissen der Erwachsenenbildung im Rahmen der sogenannten „handlungs- und kompetenzorientierten didaktischen Modelle“ fortzuentwickeln. Die AKNZ steht damit im Bereich der Bildungseinrichtungen im Bevölkerungsschutz an der Spitze eines sich derzeit deutlich abzeichnenden Paradigmen-wechsels in der Aus- und Fortbildung unter pädagogischen Gesichtspunkten.

Wo sehen Sie Unterschiede zwischen DIN ISO 9001 und DIN ISO 29990?

Wie schon gesagt passt die ISO 9001 auf "Produkte". Bildung ist aber eine Dienstleistung. Diese kann ich insbesondere nicht anfassen, messen oder wiegen. Dem kommt die ISO 29990 wesentlich mehr entgegen.

Ein Schwerpunkt der DIN ISO 29990 ist eine stärkere Markt- und Kun-denorientierung (Bestimmung des Lernbedarfs und das richtige Er-bringen von Lerndienstleistungen). Sehen Sie hier eine besondere Stärke der Norm für die Bildungsbranche?

Genau das ist das Entscheidende: wir nehmen mit der AKNZ eine gesetzliche Aufgabe wahr. Daher sind die Seminare und Veranstaltungen für die Teilnehmenden grundsätzlich kostenlos, die Finanzierung erfolgt über den Bundeshaushalt. Ein wichtiger Aspekt, nämlich die "Marktorientierung" unter dem Gesichtspunkt der Generierung von Einnahmen entfällt bei uns. Wir zwingen quasi niemanden, an unseren Seminaren teilzunehmen. Verantwortlich für die Entsendung an die AKNZ sind vor allem die Länder und Kommunen. Diese entsenden ihr Personal aber nur, wenn es zufrieden vom Seminar zurückkehrt und wir eine gute Lerndienstleistung erbracht haben. Zufrieden heißt dabei: die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben das gelernt, was Ihren Erwartungen entsprach und was Ihre Handlungskompetenzen im Bereich des Bevölkerungsschutzes fortentwickelt. Darüber hinaus ist für uns der Lernbedarf ihrer "Entsender" im Sinne der "interessierten Parteien", maßgeblich für die Ermittlung des Bildungsbedarfs. Als Plattform für die Netzwerkbildung und des Erfahrungs- und Gedankenaustausches sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich bei uns wohl fühlen und Freude an der Aus- und Fortbildung haben. Alle diese Aspekte finden sich in der ISO 29990 als Qualitätsstandards wieder. Insofern „passt“ diese ISO sehr gut zu unserem Verständnis eines modernen Lerndienstleisters.

Risikomanagement wird ein wichtiges Thema der Revision DIN ISO 9001:2015 sein. Inwiefern findet das Management von Chancen und Ri-siken in Ihr QM-System nach DIN ISO 29990 Eingang?

Da wir wie beschrieben nicht unmittel-bar am "Markt" agieren, sind wir in einer recht komfortablen Situation. Wir haben ein vorgegebenes Jahresbudget, das wir einsetzen können. Das aber natürlich effizient . Im Rahmen der Zertifizierung haben wir festgelegt, uns mindestens einmal im Quartal mit den aktuellen Entwicklungen, was Teilnehmerzahlen und Haushaltsmittel angeht, zu beschäftigen. Oder andersherum: können wir unser geplantes Programm mit den vorhandenen Haushaltsmitteln durchführen? Unter Umständen und je nach aktueller Situation müssen wir daher auch unter Haushaltsgesichtspunkten Schwerpunkte für unser Jahresprogramm neu setzen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung von QM-Systemen in der Bildung ein? Welchen Beitrag kann DIN ISO 29990 dazu leisten?

Ich halte QM-Systeme in der Bildung aus zwei Gründen für enorm wichtig: Zum einen befindet sich das gesamte Bildungswesen im Umbruch. Die Zeiten, in denen erfahrene Praktiker als quasi „Alleskönner“ nur durch Powerpointvorträge die „unwissenden und unerfahrenen“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer an ihrem Wissen und ihren Erfahrungen teilhaben lassen sind lange vorbei. Der Erwachsene will heutzutage auf Augenhöhe mit seinen Kompetenzen vom Ausbilder ernst genommen werden. Es geht also vielmehr darum, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in sehr praxisnahen und handlungsorientierten Lernsituationen die Möglichkeit zu geben, sich und die eigene Handlungskompetenz zu erproben und selbstgesteuert fortzuentwickeln. Das Lehrpersonal ist also vielmehr Partner im Lernprozess, arrangiert eine lernanregende Unterrichtsatmosphäre und moderiert bzw. coacht. Hier dient die Zertifizierung als Signal für pädagogisch hochwertige Ausbildung im Sinne der beschriebenen Handlungs- und Kompetenzorientierung.

Dies gilt im Übrigen auch auf internationaler Ebene: Wir führen unter anderem Ausbildungen für die EU durch. Zwar wird hier noch nicht explizit eine Zertifizierung verlangt, ich bin aber überzeugt davon, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird. Hier sind wir mit der Zertifizierung der AKNZ gut für die Zukunft und den Wettbewerb im Bildungsbereich gerüstet.

 


Thomas Mitschke ist Leiter der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Nach seinem Lehramtsstudium für die Fächer Deutsch und Sport an der RWTH Aachen, sammelte er diverse Einsatzerfahrungen im regulären Rettungsdienst, Feuerwehreinsatzdienst und verschiedenen Katastrophen- und Krisenlagen im In- und Ausland in verantwortlicher Funktion.

So war er zunächst Lehrer und Fachbereichsleiter an der Katastrophenschutzzentrale des Bundes, wechselte dann als Referatsleiter Einsatzorganisation Inland zur Bundesanstalt des Technischen Hilfswerk und übernahm schließlich nach einer Dozententätigkeit an der AKNZ die Leitung der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz.